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James 20.03.2013 10:00

Journalist... und dann?
 
Liebe Foren-Gemeinde!
Eigentlich brenne ich für meinen Job, wollte immer als Journalist in Hörfunk oder TV arbeiten.
Das habe ich geschafft, hab ein Volontariat absolviert und arbeite seit rund zehn Jahren als freier Mitarbeiter für eine öffentlich-rechtliche "Anstalt".

Als ich anfing hieß es, es gebe eine Beschäftigungsgrenze für freie Mitarbeiter. Aber ich war der Überzeugung: Mach einen besseren Job (mit gut gebe ich mich nicht zufrieden), dann bietet Dir der Sender auch was an.

Die Wahrheit sieht anders aus; Lob erhalte ich zwar von allen Seiten - von Kollegen bis hin zu allen "Vorgesetzten". Aber mehr springt nicht raus. So "tickt" denn auch meine Zeit runter.

Inzwischen schaue ich mich nach Alternativen um.
Aber bislang nur Absagen. Ich vermute, daß es niemanden interessiert, was man wirklich KANN, sondern nur, was irgendwo steht.
Ich habe kein Studium absolviert, folglich keinen akademischen Abschluss vorzuweisen.

Oft wird aber ein (geisteswissenschaftliches) Studium verlangt. Warum eigentlich? Wofür braucht's einen Kulturwissenschaftler für eine Stelle in der Öffentlichkeitsarbeit? Die Eigenschaften, die Geisteswissenschaftler sich im Studium nebenher aneignen, bringe ich mit: Kommunikationsstärke, Verhandlungsgeschick, Verkaufstalent (ich verkaufe schließlich meine Themen an Redaktionen), eine Riesenportion Motivation, Lernbereitschaft (ich muss mich schließlich täglich auf Neues einstellen) und habe eine schnelle Auffassungsgabe.

Ja, ich bin inzwischen soweit, auch die Seite zu wechseln, bspw. Pressesprecher zu werden oder Redakteur für Magazine o.ä.
Aber warum erhalte ich auf Bewerbungen nur Absagen und nicht einmal eine Chance, mich vorzustellen, geschweige denn eine Chance, zu zeigen, dass ich mehr kann?

Sirka 20.03.2013 19:09

AW: Journalist... und dann?
 
Hallo James,

eine Lösung für dein Problem kann ich dir leider nicht liefern, nur einige Erklärungsversuche.

Das Problem kommt mir irgendwie bekannt vor. Wer lange freiberuflich gearbeitet hat, der kommt nur schwer irgendwo festangestellt unter. Lieber sucht man extern einen neuen Mitarbeiter oder übernimmt einen Volontär - ist zumindest meine Beobachtung.

Was das Seitewechsenl betrifft: Ich kann nur vermuten, dass es genügend Leute gibt, die einfach mehr Erfahrung als Pressesprecher bzw. Magazinredakteur haben als du. In diesen Bereichen herrscht ja auch nicht gerade ein Mangel an Bewerbern, so dass man auf Quereinsteiger zurückgreifen müsste. Hast du schon mal an eine Fortbildung in die Richtung gedacht?

Mancherorts mag auch die Meinung vorherrschen, dass jemand, der lange freiberuflich gearbeitet hat, sich nicht so leicht in feste Strukturen einpassen kann.

Viele Grüße
Sirka

Reporterin 21.03.2013 08:39

AW: Journalist... und dann?
 
Das ein Studium erwartet wird, hat nichts mit dem akademischen Grad zu tun, sondern mit dem Studium an sich. Wer studiert hat weiß, wie man welche Recherchen durchführt, wie man auf eine bestimmte Art arbeitet, wie man die Wünsche des Lesers (Professors) erfüllt etc. Du kannst jetzt schreiben: "Aber das kann ich auch". Trotzdem, wenn du jetzt studieren würdest - egal was - würdest zu erfahren, was du alles nicht kannst.

Was deine Jobsuche angeht, da geht es dir wie allen Leuten auf der Arbeitssuche. Hunderte auf der Suche, Hunderte von Konkurrenten, Hunderte von Absagen. Da kann man nur schreiben: Weitermachen.

Andererseits könntest du auch überlegen, dich völlig neu zu sortieren und vielleicht einen völlig anderen Job zu machen. Wenn du nicht studiert hast, was hast du denn gelernt?

Texte-Büro 21.03.2013 14:03

AW: Journalist... und dann?
 
Zitat:

Zitat von Reporterin (Beitrag 86216)
Wer studiert hat weiß, wie man welche Recherchen durchführt, wie man auf eine bestimmte Art arbeitet, wie man die Wünsche des Lesers (Professors) erfüllt etc. Du kannst jetzt schreiben: "Aber das kann ich auch". Trotzdem, wenn du jetzt studieren würdest - egal was - würdest zu erfahren, was du alles nicht kannst.

Wenn man 10 Jahre in diesem Beruf tätig ist, weiß man ebenfalls wie man recherchiert und wie man nicht die Wünsche des Professors, aber die des Chefredakteurs erfüllt. Ich kenne genügend Kollegen, die studiert haben und heute sagen, dass Studium und Beruf zwei völlig andere Dinge sind. Zumal man Recherche etc. auch an der Journalistenschule lernen kann.

Reporterin 21.03.2013 14:35

AW: Journalist... und dann?
 
@Texte-Büro
Das ist ja schön, dass du meiner Aussage nicht zustimmst, aber James hat doch nach eigener Aussage Probleme, und so wie er es erfahren hat dadurch, dass er kein Akademiker ist. Oder habe ich mich verlesen? Und meine Antwort ist die Einstellung in vielen Verlagen - ob dir das nun paßt oder nicht.

Und was das Studieren angeht.
Nirgendwo habe ich geschrieben, dass Studium und Beruf identisch sind. Vielmehr schrieb ich, dass man im Studium Handwerkszeug erlernt, welches man im Job nicht erwirbt. Sowas nennt man Expertenwissen.
Expertenwissen ist Wissen, welches der jeweilige "Experte" zwar anwendet, über dessen Anwendung er sich aber meist nicht bewußt ist und es deshalb an Lernende (Volontäre) gar nicht weiter gibt.

Jurnalistenschulen sind Universitäten, auch wenn sie nicht unbedingt so heißen. Da brauchst du dir nur die Henri-Nannen-Journalistenschule ansehen.

Andererseits wird man durch ein Studium in einem bestimmten Fach, Profi in diesem Fach, was auf jeden Fall im Journalismus nicht schaden kann, wenn man bei diesem Thema im Job bleibt.

James 21.03.2013 20:17

AW: Journalist... und dann?
 
Zitat:

Zitat von Reporterin (Beitrag 86216)
Andererseits könntest du auch überlegen, dich völlig neu zu sortieren und vielleicht einen völlig anderen Job zu machen. Wenn du nicht studiert hast, was hast du denn gelernt?

Äh... Redakteur.
Ich hab ein Volontariat absolviert (was viele Akademiker gern machen würden, aber es derzeit gar nicht bekommen).

Aber Redakteur und Journalist sind eben "freie" Berufe.
Dennoch finde ich, dass hierzulande mal ein Umdenken einsetzen sollte. Personaler und Chefs sollten auch die Person und ihre Fähigkeiten (!) ansehen, statt nur stumpf auf Zeugnisse zu achten.

Gibt 'ne interessante Seite zum Thema "Quereinsteiger". Klar fehlt denen das absolute Fachwissen, aber dafür sind sie meist um einiges motivierter und das zählt doch in der heutigen Arbeitswelt mindestens genauso. Oder doch nicht?

Sirka 23.03.2013 16:37

AW: Journalist... und dann?
 
Zum Thema Studium: Ich denke, es kommt immer darauf an, in welchen Bereich man arbeitet.

Ich habe lange im Lokaljournalismus gearbeitet. Mein Studium hat mir da nicht wirklich weitergeholfen. Da kommt es vor allem auf Erfahrung an. Ich fand auch nicht, dass Kollegen ohne Uniabschluss irgendwie im Nachteil waren.

Andererseits habe ich auch schon Einblicke in eine Redaktion für Gartenzeitschriften erhalten. Wer hier keine entsprechende Ausbildung oder ein passendes Studium vorweisen konnte, hatte kaum keine Chance. Zu Recht, wie ich finde. Bei Fachzeitschriften ist einfach Expertenwissen nötig, das man sich nicht innerhalb von wenigen Monaten aneignen kann.

Miriam86 26.03.2013 22:39

AW: Journalist... und dann?
 
Ich glaube auch, dass das weniger mit dem fehlenden Studium zu tun hat, als mit dem Markt: Es gibt diese Vorurteile, dass Freie sich nicht in feste Strukturen fügen können. Ich kenne auch Redaktionen, in denen der Gedanke herrscht, dass Freie bestimmte Dinge nicht können, wie etwa den Redaktionstag planen etc. Das trifft nicht auf alle zu, es reicht aber, wenn es die sind, bei denen du dich beworben hast.

Außerdem suchen gerade Hunderte von Journalisten einen Job, man muss sich nur mal umschauen, wo überall Titel eingestellt wurden oder Leute entlassen wurden. Der Markt ist seit ein paar Monaten völlig überflutet - noch viel schlimmer als zuvor... Da sind diese ganzen Absagen die logische Konsequenz... Leider. Es kämpfen da ja auch noch andere Leute, teils aus Festanstellungen, mit dem gleichen Problem.


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